{"id":2319,"date":"2026-06-27T16:02:14","date_gmt":"2026-06-27T16:02:14","guid":{"rendered":"http:\/\/coaching.truhlar.art\/?p=2319"},"modified":"2026-07-22T16:02:16","modified_gmt":"2026-07-22T16:02:16","slug":"perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/truhlar.art\/en\/uncategorized\/perspektive\/","title":{"rendered":"Perspektive"},"content":{"rendered":"<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"2319\" class=\"elementor elementor-2319\" data-elementor-post-type=\"post\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-5a483b9 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"5a483b9\" data-element_type=\"container\" data-e-type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t\t<p class=\"e-ee4a179-e6a222a e-paragraph-base\" data-interaction-id=\"ee4a179\"><u id=\"e-mrw9t91w-59gja4i\">Bevor Perspektive entsteht.<\/u><br><br>Was bedeutet es, ein zufriedenes Leben zu f\u00fchren? Wenn wir uns einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen, sehen wir vielleicht das Bild einer Person, die unentwegt l\u00e4chelt und immer gut drauf ist. Oder wir denken an einen wohlhabenden und erfolgreichen Menschen, dem ein hohes Ma\u00df an gesellschaftlicher Anerkennung zuteil wird.<br><br>Es scheint, als w\u00fcrden wir das \u00c4u\u00dfere f\u00fcr einen verl\u00e4sslichen Hinweis auf das Innere halten. Dabei erleben viele erfolgreiche Menschen trotz \u00e4u\u00dferer Erf\u00fcllung ein Gef\u00fchl von Leere oder Getriebenheit. Nicht selten entstehen daraus kompensatorische Verhaltensweisen. Und dass jene, die dem Anschein nach immer positiv wirken, tief im Inneren vielleicht gar nicht wirklich zufrieden sind.<br><br>Ich bezweifle nicht, dass Reichtum und Anerkennung bestimmte Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen k\u00f6nnen, aber lassen sie uns das doch einmal etwas genauer untersuchen und daf\u00fcr gleich ins h\u00f6chste Regal greifen. <br>Elon Musk gilt augenblicklich als der reichste Mensch der Welt. Ist er auch der Zufriedenste? Offensichtlich nicht, in mehreren Interviews bekennt sich Musk zu mentalen St\u00f6rungen zu Verlust\u00e4ngsten und n\u00e4chtlichen Panikattacken, gegen die er regelm\u00e4\u00dfig Schlafmittel einnehmen m\u00fcsse.<br><br>Geld, Erfolg und eine positive Erscheinung sind offenbar nicht mit Gl\u00fcck gleichzusetzen. In religi\u00f6sen, spirituellen und esoterisch gepr\u00e4gten Kreisen wird gerne darauf hingewiesen, dass wahres Gl\u00fcck nicht im \u00c4u\u00dferen zu finden ist. Ich habe den Eindruck, dass es allerdings unendlich verlockend bleibt, genau dort danach zu suchen \u2013 und zu scheitern.<br><br>Ich muss dabei an meine tschechische Tante denken. Sie hat Diabetes. Wenn ich sie frage, wie es ihr geht, erz\u00e4hlt sie h\u00e4ufig von den Beschwerden ihrer Krankheit. Als ich sie vor einiger Zeit besuchte, sa\u00df sie gerade mit einem St\u00fcck Schwarzw\u00e4lder Kirschtorte am K\u00fcchentisch und a\u00df sie mit sichtlichem Genuss. \u201eAber Tantchen\u201c, sagte ich, \u201eund was ist mit deinem Zucker?\u201c Sie l\u00e4chelte verschmitzt wie ein kleines M\u00e4dchen: \u201eNuo, aber schmeckt doch so gut.\u201c<br><br>Ich liebe diesen Satz: Aber schmeckt doch so gut - und meine Frau und ich zitieren ihn gerne scherzhaft, wenn wir etwas Unvern\u00fcnftiges tun. Weil ich glaube, dass wir alle manchmal genau so sind. Wir wissen eigentlich, was uns nicht guttut. Und trotzdem greifen wir danach. Vielleicht aus Ignoranz. Vielleicht, weil etwas in uns f\u00fcr einen kurzen Moment lauter ist als jede Vernunft und wir nach dem \u201eQuick Fix\u201c suchen.<br><br>Das Diktat der Bilder.<br>Aber warum sind wir so anf\u00e4llig f\u00fcr diesen Sound? Wom\u00f6glich, weil wir um uns herum unentwegt mit einem solchen Narrativ konfrontiert sind \u2013 unter der Verwendung des m\u00e4chtigsten Mittels nach der Erfindung der Schrift: den technischen Bildern. Ob klassische Fotografie, Kino, Plakatw\u00e4nde oder die digitalen Bildstr\u00f6me von YouTube und Social Media \u2013 \u00fcberall und st\u00e4ndig sind wir ihnen ausgesetzt und verinnerlichen ihre Erz\u00e4hlung: <em id=\"e-mrw9t91w-95gqg9r\">Gl\u00fcck und Zufriedenheit sind im Au\u00dfen zu finden!<\/em> Diese Annahme scheint fast Teil unserer DNA geworden zu sein.<br><br>\u201eSo ist es gewesen\u201c, ruft uns die Fotografie zu. Gerade diese scheinbare Unmittelbarkeit, die in ihrer technischen Entstehung begr\u00fcndet ist, verleiht ihr bedingungslose \u00dcberzeugungskraft. Zudem gibt es die verbreitete Ansicht, dass Gl\u00fcck zu Erfolg f\u00fchrt und dass das eine das andere bedingt, sich sozusagen gegenseitig anzieht. Mit dem richtigen Mindset, dem richtigen Framing k\u00f6nne man beides gewisserma\u00dfen hervorbringen. Eine solche Erkl\u00e4rung bildet zugleich die Grundlage des Gesch\u00e4ftsmodells zahlreicher Coaches und Lebensberater. Diese Logik hat tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Strahlkraft, und sie ist zum Teil auch berechtigt \u2013 vermutlich vor allem deshalb, weil sie Hoffnung verspricht. Aber liegt hier wirklich eine Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit vor, ein \u201eTschakka-Effekt\u201c?<br><br>Eine interessante Hypothese w\u00e4re die Umkehrung dieses Gedankens, also die Anwendung des sogenannten Kopfstandprinzips: Was w\u00e4re, wenn Menschen mit einem besonders gro\u00dfen Bed\u00fcrfnis nach Anerkennung und Sicherheit \u00fcberproportional viel Energie in \u00e4u\u00dferen Erfolg investieren? Wenn sie die Werkzeuge unserer Leistungsgesellschaft virtuos beherrschen \u2013 nicht aus St\u00e4rke, sondern aus der Hoffnung, endlich genug zu sein? Vielleicht erkl\u00e4rt das, warum hinter jedem erreichten Ziel bereits das n\u00e4chste wartet. Nicht, weil Erfolg wertlos w\u00e4re, sondern weil wir von ihm etwas erhoffen, das er gar nicht geben kann.<br><br>Pauli, eine bemerkenswerte transsexuelle Frau und ehemalige suchtkranke Sex-Workerin aus meinem erweiterten Bekanntenkreis, pflegte \u00fcber unseren Umgang mit dem Gl\u00fcck zu sagen:<br>\u201eWir bekommen ein Geschenk und erwarten daf\u00fcr eine Belohnung.\u201c<br><br>Ich denke oft an dieses Zitat und bin fasziniert dar\u00fcber, wie ich immer wieder Parallelen zu meinem eigenen Leben finde.<br><br>Studien zeigen, dass Dankbarkeit, gute soziale Bindungen, Sinn und Gesundheit die zentralen Faktoren f\u00fcr anhaltende Zufriedenheit sind \u2013 nicht Reichtum, Anerkennung oder Macht. Es bleibt dennoch schwierig, Gl\u00fcck zu beschreiben. Muss man sich gut f\u00fchlen, wenn man gl\u00fccklich ist? Gef\u00fchle sind so unbest\u00e4ndig, als w\u00fcrde man versuchen, Luft festzuhalten. Vielleicht hat Gl\u00fcck doch nur ganz am Rande mit Emotion zu tun. Dann w\u00e4re das gute Gef\u00fchl nur ein zuf\u00e4lliges Nebenprodukt.<br>Zufriedenheit ist da schon einfacher, da das Wort bereits die Bedingungen vorgibt: Es muss etwas mit Frieden zu tun haben. Also das Gegenteil von Unruhe oder Stress im mentalen und pers\u00f6nlichen Kontext. Wo finden wir diesen Frieden?<br><br>Kontrolle versus Resonanz.<br>Offenbar spielt Perspektive eine gr\u00f6\u00dfere Rolle, als wir vermuten. Das Konzept der Synchronizit\u00e4t von Carl Gustav Jung besagt, dass unsere innere Welt und \u00e4u\u00dfere Ereignisse sich auf eine Weise entsprechen k\u00f6nnen, die nicht rein zuf\u00e4llig wirkt \u2013 bedeutsame Zuf\u00e4lle, die nicht kausal verbunden sind, aber subjektiv als sinnvoll zusammengeh\u00f6rig erlebt werden. Jung er\u00f6ffnet hier eine Perspektive, die ich f\u00fcr \u00e4u\u00dferst beachtlich und anziehend halte. F\u00fcr mich ist das eine Deutung, gepr\u00e4gt von tiefer Demut.<br><br>Das Konzept der Synchronizit\u00e4t wird jedoch gerne anders ausgelegt: N\u00e4mlich derart, dass wir die Kontrolle \u00fcber unser Schicksal haben, indem wir die innere Welt so einstellen, dass die \u00e4u\u00dfere Welt unseren W\u00fcnschen entspricht. Eine Art innere Fernbedienung. Ich glaube aber, dass Jung dies gar nicht behauptet, sondern dass diese Lesart erneut unserem modernen Filter entspricht.<br><br>Was w\u00e4re, wenn Synchronizit\u00e4t weniger Kontrolle bedeutet als Resonanz? Und wenn wir mit dieser Idee das Leben als Geschenk erfahren, sodass wir unser inneres Erleben mit den \u00e4u\u00dferen Ereignissen in einer Geste von Dankbarkeit synchronisieren? Das w\u00e4re dann ebenfalls ein Werkzeug, h\u00e4tte aber eine vollkommen andere Setzung. W\u00e4hrend das eine versucht, die Realit\u00e4t den eigenen Vorstellungen zu unterwerfen, beschreibt das andere eine Haltung der Annahme des Lebens zu seinen Bedingungen.<br><br>Ich m\u00f6chte gerne noch eine zus\u00e4tzliche Dimension einbringen: Angenommen, Gl\u00fcck ist nicht das Ergebnis von Erfolg. Angenommen, es ist auch nicht das Ergebnis bestimmter Lebensumst\u00e4nde. Gl\u00fcck ist nicht einmal deine Perspektive \u2013 sondern das, was du bist, bevor jede Perspektive entsteht. Etwas, das du nicht erreichen, sondern nur erkennen und erleben kannst. Jeden Tag aufs Neue.<br><br>Das w\u00e4re eine radikale Sichtweise, die best\u00e4tigen w\u00fcrde, dass absolut nichts von Dauer ist und nichts von au\u00dfen dich gl\u00fccklich machen kann. Ich glaube nicht, dass wir in Entbehrung leben m\u00fcssen, um zufrieden zu sein. Ich glaube vielmehr, dass die F\u00e4higkeit, sich selbst zur\u00fccknehmen zu k\u00f6nnen, einen erheblichen Beitrag zum eigenen Wohlsein \u2013 und zum Wohlsein anderer \u2013 leistet.<br><br><em id=\"e-mrw9t91w-rzi927c\">\u201eRenounce and Rejoice\u201c<\/em>, fasst einen Vers aus den Upanishaden zusammen \u2013 also: Genie\u00dfe, ohne anzuhaften. Das scheint mir ein tiefgr\u00fcndiger und sehr kluger Leitgedanke zu sein, der genau diese Sichtweise proklamiert. Ein Leben im Bewusstsein eines gr\u00f6\u00dferen Ganzen.<br><br>Das harte Problem des Bewusstseins.<br>Was eigentlich ist Bewusstsein? An dieser Stelle komme ich immer wieder auf Thomas Nagel zur\u00fcck. Er stellt in seinem viel beachteten Aufsatz <em id=\"e-mrw9t91w-59xlltp\">\u201eWie ist es, eine Fledermaus zu sein?\u201c<\/em> eine Frage, die mich seit Langem besch\u00e4ftigt. Er kritisiert darin einen rein physikalistischen Ansatz, der behauptet, Bewusstsein lasse sich vollst\u00e4ndig auf physikalische Prozesse reduzieren. Er bestreitet dabei nicht, dass das Gehirn physikalisch funktioniert, sondern argumentiert, dass dabei die Erste-Person-Perspektive verloren geht. Der Aufsatz hat die Debatte \u00fcber Bewusstsein nachhaltig gepr\u00e4gt und beeinflusst bis heute Diskussionen \u00fcber das sogenannte \u201eharte Problem des Bewusstseins\u201c: die subjektive Erfahrung (Qualia), k\u00fcnstliche Intelligenz und die Frage, ob objektive Wissenschaft subjektives Erleben vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren kann.<br><br>Nagel gibt darauf absichtlich keine endg\u00fcltige Antwort. Er sagt im Grunde genommen: Wahrscheinlich h\u00e4ngt Bewusstsein eng mit dem Gehirn zusammen. Aber unsere jetzige naturwissenschaftliche Beschreibung reicht nicht aus, um das subjektive Erleben zu erkl\u00e4ren. Der \u00fcberwiegende Teil der Neurowissenschaft vertritt indessen genau diesen physikalistischen Ansatz: Bewusstsein entsteht im Gehirn, l\u00e4sst sich mit neuronalen Korrelaten messen und erkl\u00e4rt sich durch den evolution\u00e4ren Vorteil, den es uns verschafft.<br><br>Ich bin der Ansicht, es gibt noch einen anderen, pers\u00f6nlichen Weg, sich dem Bewusstsein zu n\u00e4hern. Ohne wissenschaftliche Messger\u00e4te, sondern durch das Erleben selbst. \u00dcber die subjektive, kreative Ebene. Die Ebene der Intuition und des inneren Erlebens. \u00dcber eine Art Verschmelzung mit dem Objekt \u2013 so wie du es vielleicht beim Musikh\u00f6ren oder beim Singen wahrnimmst, oder in der Natur, wenn du in einem See schwimmst. Wenn wir im Flow sind, jenseits des Denkens, eins mit dem, was wir tun. Kein Denken, keine Zeit, kein Raum \u2013 nur Erleben.<br><br>Angenommen, Bewusstsein ist formlos und ohne Eigenschaften. Dann ist die letztg\u00fcltige Antwort deshalb so schwer zu finden, weil Bewusstsein eben kein Objekt ist, welches Attribute besitzt \u2013 sondern das formlose Subjekt, das Wahrnehmung \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht.<br><br>Es ist die stille Erkenntnis, dass das, wonach wir suchen, nie woanders war als in uns selbst. Vielleicht beginnt das Wesentliche genau dort, wo Perspektive noch gar nicht entstanden ist. N\u00e4mlich da, wo du jetzt bist \u2013 im gegenw\u00e4rtigen Moment.<br><br>Piet Franzius-Truhlar<\/p>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor Perspektive entsteht. Was bedeutet es, ein zufriedenes Leben zu f\u00fchren? Wenn wir uns einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen, sehen wir vielleicht das Bild einer Person, die unentwegt l\u00e4chelt und immer gut drauf ist. Oder wir denken an einen wohlhabenden und erfolgreichen Menschen, dem ein hohes Ma\u00df an gesellschaftlicher Anerkennung zuteil wird. 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